Keine Kommunikation in der Beziehung: Ursachen und was helfen kann
Wenn man von unglücklichen Beziehungen hört, denkt man meistens als erstes, dass das Hauptproblem ständiger Streit ist.
Das Problem in einer Beziehung ist aber nicht immer zu viel Streit. Manchmal ist es auch genau das Gegenteil: Die Partner reden kaum noch miteinander.
Eine bevölkerungsrepräsentative Studie aus dem Jahr 2019 ergab, dass sich rund 8% der deutschen Paare vorwiegend anschweigen.
Gründe für wenig oder keine Kommunikation in der Beziehung
In meiner Praxis erlebe ich oft Paare, die am Anfang der Beziehung eine lebhafte Kommunikation hatten. Aber über die Jahre wurde es immer weniger. Andere Paare kommunizierten schon von Anfang an eher weniger.
Was jetzt viel oder wenig Kommunikation ist, ist natürlich auch Ansichtssache. Wichtig ist, dass man sich als Paar über seine Gefühle, Bedürfnisse und was einem wirklich bewegt austauscht.
Es gibt verschiedene Ursachen und Gründe für eine eher zurückhaltende Kommunikation:
Konfliktvermeidung aus Resignation
Ein häufiges Phänomen in meiner Praxis ist, dass Paare über lange Zeit viel streiten und aus Resignation aufhören miteinander zu kommunizieren. Sie fühlen sich von ihrem Partner nicht verstanden und befürchten bei jedem Gespräch den nächsten Streit und weitere Verletzungen.
Harmonisierende Konfliktvermeidung
Manche Menschen können in der Kindheit die Prägung erhalten haben, dass Streiten schlecht ist und die Beziehung daran zerbricht. Um Konflikte zu vermeiden, schlucken sie ihren Frust runter, beschwichtigen und passen sich ihrem Partner immer an. Eigene Bedürfnisse werden zurück gestellt und kaum noch angesprochen.
Angst vor Ablehnung
Aus Angst, vom Partner abgelehnt zu werden, meiden manche Menschen, ihre Bedürfnisse oder Meinung mitzuteilen. Es wird einfach zugestimmt und Gespräche die zu Meinungsverschiedenheiten führen vermieden. Dies kann daher kommen, wenn ein Mensch schon früh erlebt hat, dass das Mitteilen seiner Bedürfnisse oder Meinung auf Ablehnung gestossen ist.
Negative Gefühle verdrängen
Konflikte führen zu unangenehmen Gefühlen. Solche Gefühle sind meistens nicht leicht auszuhalten. Deshalb kann es eine Schutzstrategie sein, Situationen die diese Gefühle hervorbringen zu vermeiden. Dies führt zu Konfliktvermeidung.
Oder wenn ein Partner zum Beispiel bei der Arbeit Stress erlebt hat, vermeidet er es dann zu Hause darüber zu sprechen, damit er dieses unangenehme Gefühl nicht noch einmal erleben muss.
Alltag, Stress und Medien
Doch es muss nicht immer etwas mit uns persönlich zu tun haben, wenn die Kommunikation weniger wird.
Der Alltag fordert unsere Gesellschaft immer mehr heraus: Wir müssen arbeiten gehen, die Kinder versorgen, den Haushalt schmeissen und evtl. kommen auch noch ehrenamtliche Tätigkeiten oder Hobbys dazu. Da kommt es nicht selten vor, dass Paare nur noch zwischen Tür und Angel kurz über Organisatorisches sprechen.
Abends sind sie dann zu müde um noch tiefgehende emotionale Gespräche zu führen. Da sind Medien wie TV und Handy die perfekte Ablenkung zum „abschalten“.
Folgen von keiner Kommunikation
Durch Kommunikation kommen Menschen miteinander in Verbindung. Sie teilen ihre Gedanken und Gefühle und erfahren, was den anderen beschäftigt.
Wenn die Kommunikation in einer Beziehung immer mehr abnimmt, kann auch die emotionale Nähe verloren gehen. Die Partner wissen irgendwann vielleicht nicht mehr, was im anderen vorgeht, was ihn beschäftigt oder welche Wünsche und Bedürfnisse er hat.
Dadurch können Missverständnisse entstehen. Jeder lebt zunehmend in seiner eigenen Welt und fühlt sich möglicherweise allein, obwohl er in einer Beziehung ist.
Unausgesprochene Enttäuschungen und Bedürfnisse können sich mit der Zeit ansammeln und dazu führen, dass sich die Partner immer weiter voneinander entfernen.
Was kann man tun, um wieder ins Gespräch zu kommen?
Wenn Sie vor lauter Alltagsstress nicht mehr richtig ins Gespräch kommen, vereinbaren Sie regelmässig einen konkreten Termin für ein Gespräch. Nehmen Sie sich bewusst Zeit füreinander, ohne Handy oder andere Ablenkungen.
Sprechen Sie möglichst in der Ich-Form und halten Sie sich an die VW-Regel: Äussern Sie Wünsche statt Vorwürfe, damit das Gespräch nicht im Streit endet.
Versuchen Sie Ihrem Partner zuzuhören und ihn zu verstehen, ohne sofort zu widersprechen oder sich zu rechtfertigen.
Wenn Ihre Gespräche regelmässig eskalieren oder einer von Ihnen sich vollständig zurückgezogen hat, kann eine Paarberatung hilfreich sein.


Autorin: Gina Kleingutti
Zertifizierte Paarberaterin und dipl. Psychologische Beraterin.