Trauer in der Beziehung – Ein persönlicher Erfahrungsbericht
Trauer hat viele Facetten, und jeder Mensch reagiert individuell auf einen Verlust. Weil wir so unterschiedlich trauern, kann Trauer einen grossen Einfluss auf unsere Beziehung haben.
In diesem Artikel möchte ich Ihnen von unseren persönlichen Erfahrungen nach dem Verlust unseres geliebten Hundes Nino und seinem Einfluss auf unsere Beziehung erzählen.
Hintergrund
Wir haben Nino mit ca. 5 Jahren im Jahr 2015 aus dem Tierheim adoptiert. Damit Nino möglichst wenig alleine sein musste, begann ich damals mit Teilzeitarbeit. Wir haben Nino nur ganz selten jemanden zum aufpassen gegeben. Deshalb waren wir auch selten am Wochenende zusammen weg und Urlaub machten wir gar nicht mehr. Wir waren aber auch nie so die Reiselustigen und waren sehr gerne gemeinsam zu Hause.
Unsere verschiedenen Reaktionen nach dem Tod
Als unser Hund gestorben ist, war mein Mann sehr traurig und ich war ziemlich gefasst. Ich habe weiterhin funktioniert, die Kremation organisiert, Nino dahin gebracht und meine Aufgaben erledigt. Ich bin weiterhin morgens spazieren gegangen und habe ohne zu weinen mit den anderen Hundehaltern über Nino gesprochen. Da uns bewusst war, dass jeder Mensch individuell auf einen Verlust reagiert, konnten wir gut mit unseren verschiedenen Reaktionen umgehen und ich konnte durch meine Gefasstheit für meinen Mann da sein.

Die Veränderung der Trauer und ihre Hintegründe
Ein paar Tage später ging es meinem Mann besser. Gleichzeitig begann er einen Job an einer neuen Arbeitsstelle und war so gut abgelenkt.
1.5 Wochen später überrollte mich die Trauer. Ich fühlte mich zu Hause schrecklich einsam, und das Leben fühlte sich für mich plötzlich sinnlos an. Ein grosser Teil meines Lebens war plötzlich weg: Unter der Woche bin ich mit Nino morgens und mittags spazieren gegangen. Wenn ihm was fehlte, war in der Regel immer ich beim Tierarzt und kümmerte mich um seine Genesung.
Die letzten Monate hatte ich während der Arbeit immer auf die Kamera geschaut, ob alles in Ordnung ist, wenn er alleine zu Hause war. 11 Jahre lang war mein kompletter Alltag auf ihn gerichtet und deshalb war der neue Alltag auch so schwer für mich.
Mein Mann hingegen hatte einen anderen Alltag: Er arbeitete 100%, machte abends die letzte Gassirunde und am Wochenende erkundete er neue Orte mit Nino. Nino prägte seinen Alltag auf eine andere Weise als meinen. Was aber nichts daran änderte, dass er ihn genauso geliebt hat wie ich.
Mir das alles bewusst zu machen, half mir zu verstehen, warum mir der Alltag so schwer fiel und meinem Mann weniger.
Auch habe ich mit meinem Mann immer über meine Gefühle gesprochen und von ihm Mitgefühl und Verständnis erfahren.
In meiner Trauerphase hatte ich plötzlich ein grosses Bedürfnis, neue Dinge zu unternehmen. Ich hielt einen gemütlichen Tag zu Hause kaum aus. Doch meinem Mann ging es nicht so. Er brauchte nach seiner anstrengenden Arbeitswoche einen ruhigen Tag zu Hause. Auch in dieser Situation half uns das gegenseitige Verständnis füreinander und die Beachtung unserer unterschiedlichen Bedürfnisse.
Was in einer Trauerphase wichtig ist
Jeder Mensch trauert anders. Sich das immer wieder bewusst zu machen, kann helfen, den Partner besser zu verstehen und Missverständnisse zu vermeiden.
Wichtig ist, ehrlich und offen über die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen und auch die Trauer des anderen anzunehmen – selbst wenn sie sich ganz anders zeigt als die eigene.

Nino

Autorin: Gina Kleingutti
Zertifizierte Paarberaterin und dipl. Psychologische Beraterin.