„Wir streiten ständig“ – warum das grundsätzlich nicht schlimm ist
Viele Paare, die zu mir in die Praxis kommen, berichten, dass sie in ihrer Beziehung ständig streiten. Ich kenne das gut - auch mein Mann und ich haben früher sehr viel gestritten.
Doch streiten muss nicht grundsätzlich etwas Schlimmes sein.
Vielen Menschen fragen sich dann:
Ist das normal?
Oder ist ständiger Streit ein Zeichen dafür, dass die Beziehung nicht mehr funktioniert?
Was ist Streiten eigentlich?
Streit ist eine Auseinandersetzung aufgrund verschiedener Meinungen oder Ansichten.
Wenn jemand von Streit spricht, kann das Unterschiedliches bedeuten: Für die einen ist es eine lebhafte Diskussion, für die anderen beginnt ein Streit erst dann, wenn es laut wird oder Emotionen hochkochen.
Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was Paare eigentlich meinen, wenn sie sagen:
„Wir streiten ständig“
Streiten ist nicht grundsätzlich schlecht
Solange ein Streit keine verbale oder körperliche Gewalt beinhaltet, ist streiten nicht per se etwas Negatives. Wer streitet, zeigt Haltung, steht für die eigene Meinung ein und bringt etwas zur Sprache, das ihm oder ihr wichtig ist.
Es gibt auch Paare, die nie streiten. Das klingt auf den ersten Blick nach dem Idealzustand – ist es aber nicht zwingend. Paare, die Konflikte konsequent vermeiden, haben oft Angst vor Auseinandersetzungen oder davor, die Beziehung zu gefährden. Langfristig kann das jedoch dazu führen, dass eigene Bedürfnisse nicht mehr ausgesprochen werden.
Der Sexualtherapeut David Scharch bezeichnet dieses Phänomen „emotionale Verschmelzung“.
Er beschreibt damit, dass Menschen unbewusst befürchten, abgelehnt zu werden, wenn sie sich so zeigen wie sie wirklich sind. Diese Angst kann mit der Zeit zu Anpassungsverhalten bis hin zu Selbstverleugnung führen.
Deshalb geht es in einer Beziehung nicht darum, Streit zu vermeiden, sondern darum, an Konflikten gemeinsam zu wachsen.
Wann wird Streit in einer Beziehung problematisch?
Problematisch wird Streit dann, wenn er immer wieder gleich abläuft und keine Lösungen entstehen. Wenn Gespräche im Kreis drehen, Verletzungen zurückbleiben und sich ein Partner zurückzieht, schweigt oder innerlich abschaltet.
Auch abwertende Worte, Schuldzuweisungen oder Machtkämpfe können ein Zeichen dafür sein, dass Streit nicht mehr verbindet, sondern trennt.
Wie haben wir es geschafft, weniger zu streiten?
Ich musste lange überlegen, wie wir es eigentlich geschafft haben, viel weniger zu streiten.
Es gab bei uns keinen einzelnen Auslöser und auch keine perfekte Methode. Es war ein langer Prozess.
Dieser Prozess beinhaltete:
- an sich selbst zu arbeiten
- Dinge nicht mehr sofort persönlich zu nehmen
- die eigene Kommunikation zu reflektieren
- und anzuerkennen, dass unterschiedliche Meinungen und Ansichten ganz normal sind
Wir haben gelernt, mit diesen Unterschieden umzugehen, ohne uns dabei gegenseitig zu verletzen.
Viele Paare schaffen diesen Prozess nicht alleine – und das ist kein Zeichen von Schwäche.
Manchmal hilft ein neutraler Blick von aussen, um alte Muster zu erkennen und neue Wege im Umgang miteinander zu finden.
Streit ist kein Beweis dafür, dass eine Beziehung gescheitert ist.
Oft ist er ein Hinweis darauf, dass etwas gesehen, verstanden oder neu sortiert werden möchte.
- Gina Kleingutti
zertifizierte Paarberaterin & dipl. Psychologische Beraterin
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